Kunstgenuss und peinliche Pannen

Volksstimme Halberstadt vom 13.09.2018

Seit 50 Jahren gibt es sie, die „Stunde der Musik“ in Halberstadt. International von Beginn an, wird auch die Jubiläumssaison besonders. Ein Rück- und ein Ausblick.

VonHartmut Wettges*

Der Kammermusikverein Halberstadt befindet sich mit Beginn der neuen Spielzeit am 30. September (es spielt das Trio Iliescu) in seiner 50. Spielzeit. Die weiteren Konzerte im Oktober und November werden vom Minguet-

Quartett und dem Pianisten Denis Proshayev geprägt; hochrangige Solisten, die sowohl national als auch international tätig sind. 

Das eigentliche Jubiläums- Konzert der „Stunde der Musik“ richtet sich am Datum des 6. Januar 1969 aus, als das Suske-Quartett der Staatskapelle Berlin (Suske, Peters, Dommus und Pfaender) das erste Konzert der „Stunde der Musik“ in der Dompropstei spielte. Demzufolge wird der Verein sein Jubiläums-Konzert nach 50 Jahren – auf den Tag genau – am Sonntag, dem 6. Januar 2019, mit dem Streichquartett des Gewandhausorchesters (Erben, Suske, Jivaev und Frey-Maibach) sowie dem emeritierten Solocellisten Jürnjakob Timm und dem Pianisten Peter Rösel ausrichten. Hier schließt sich der musikalische Kreis, denn es ist nun die zweite Suske-Generation, die in einem berühmten Streichquartett spielt. Vater und Sohn Suske haben einen wesentlichen Anteil an der musikalischen Entwicklung des Kammermusikvereins im Laufe von 50 Jahren. Darin eingeschlossen die Aufführung sämtlicher Quartett-Werke Ludwig van Beethovens, aber auch der 32 Klaviersonaten des großen Komponisten durch Detlev Eisinger.

 

Live-Mitschnitt geplant

 

Von den Jubiläums-Konzerten zwei und drei am 24. Februar und 17. März wird der Kammermusikverein eine Live-CD mitschneiden. Denn beide Konzerte mit dem 1. Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, Noah Bendix-Balgley, sowie dem Cellisten István Várdai, Professor für Violoncello an der Wiener Musikakademie (er spielt ein Stradivari-Cello eines deutschen Sponsors), wird nicht nur für die Harzer Region außergewöhnliche musikalische Ereignisse darstellen. Dank des Kartenverkaufs über Biber-Ticket werden Zuhörer aus ganz Sachsen-Anhalt erreicht. 

„Manche haben wir als Neulinge erlebt und als Stars wieder empfangen.“ Diese Aussage der Vereinsmitglieder Christine und Frieder Liebrich – seit 40 Jahren im Verein – trifft voll und ganz auf István Várdai zu. Im April 2016 zu hören als Anwärter für eine internationale Karriere zum ersten Mal in der „Stunde der Musik“ zu Gast, hat sich der Kammermusikverein sehr beeilt, um diesen Cellisten wieder zu engagieren. Inzwischen gehört er international zur Spitzenklasse und wird aufgrund der Kooperation des Kammermusikvereins mit dem Nordharzer Städtebundorchester sowohl die beiden Sinfoniekonzerte am 15./16. März spielen, als auch den Kammermusikabend am Sonntag, 17. März im Ratssaal.

Zum 4. Jubiläums-Konzert mit Michael Barenboim, Violine, und seiner Mutter Elena Bashkirova, Klavier, erübrigt sich jeder Kommentar. Da der Verein Kontakt zu den Verantwortlichen der Wernigeröder Konzertkirche pflegt, und das Pro und Kontra um diese beobachtet, wäre allen Befürwortern eine positive Entwicklung zu wünschen, um solche Weltkünstler als Kammermusik-Solisten künftig auch in Wernigerode hören zu können.

Es ist kaum möglich, außer den schon Genannten, alle Künstler aufzuzählen, die in den vergangenen 50 Jahren in Halberstadt gespielt haben, erinnert sei dennoch an Viktor Tretjakow, Igor Oistrach, Erko Rautio, Dezö Ranki, Macolm Frager, Cyprien Katsaris, Anton Kuerti, Annerose Schmidt, Amadeus Webersinke, Günter Kootz, das Janácek-Quartett, das Bach-Orchester des Gewandhausorchesters und das Telemann-Orchester noch unter

Dr. Eitelfriedrich Thom und mit Ludwig Güttler als Solisten.

 

Auf Klo eingeschlossen

 

Trotzdem ist in 50 Jahren nicht alles perfekt gelaufen: Karl Suske spielte mit kalten Fingern, weil die Heizung in der Dompropstei ausfiel. Der Pianist Jürgen Schröder wurde in der Toilette eingeschlossen.

Und das Allerschlimmste, dass wohl je passiert ist, geschah mit dem Engagement einer der größten Pianisten

seiner Zeit am 25. November 1980. Swjatoslaw Richter übte in der Dompropstei, um sich auf das abendliche Konzert – aufgrund der großen Nachfrage damals im Theater – vorzubereiten, wurde durch Gerüstbauer

gestört, die den Übungsraum zum Öffnen der Fenster betreten mussten. Leider verließen beide Aufsichtskräfte ihren Platz, die für Richter zuständig waren und gingen zum Einkaufen in die Stadt. Richter, der sich eingeschlossen hatte, wurde durch das Klopfen der Gerüstbauer gestört und öffnete nach einiger Zeit. „Warum machst Du denn nicht auf, Du Blödmann? Hör auf mit Deinem Geklimpere!“ Das musste sich Richter anhören, der sehr gut deutsch sprach und jedes Wort verstand. Er begab sich in sein Hotel, packte seine Sachen und verließ Halberstadt mit dem Auto der Künstleragentur. Den Zuhörern im Theater Richters Abreise zu erkären, gehörte sicher zu den schwierigsten Aufgaben, die der damalige Vorsitzende Hans-Ulrich Sauer zu leisten hatte.

Um den Ansturm auf die Tickets in der Jubiläumsspielzeit zu ordnen, haben die Zuhörer bereits seit 1. September mehrere Möglichkeiten, um ihre Karten für die Konzerte der Jubiläumsspielzeit 2018/2019 zu erwerben.

*Hartmut Wettges ist Vorsitzender des Kammermusikvereins

 

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